Interner Bereich
LIV BADEN-WÜRTTEMBERG
Qualitätshandwerk mit Traditionsbewusstsein

Aktuell-Referat, Dr. Horst Mehrländer

Aktuell-Referat, Dr. Horst Mehrländer

Rede von Herrn Staatssekretär Dr. Horst Mehrländer bei dem 42. Landesinnungsverbandstag des Schornsteinfegerhandwerks Baden-Württemberg am 24. Juni 2004 in Kehl am Rhein.


Aktuell-Referat, Dr. Horst Mehrländer

Rede von Herrn Staatssekretär Dr. Horst Mehrländer bei dem 42. Landesinnungsverbandstag des Schornsteinfegerhandwerks Baden-Württemberg am 24. Juni 2004 in Kehl am Rhein.

Sehr geehrter Herr Landesinnungsmeister Gula,
sehr geehrter Herr Bundesinnungsmeister Beyerstedt,
sehr geehrter Herr Ehrenbundesinnungsmeister Steichele,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Petry,
sehr geehrte Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

Ich weiß, Sie haben derzeit sehr große Sorgen:

Sie wollen wissen, zu recht wissen, welche Perspektiven vorhanden sind, nachdem die EU ein Vertragsverletzungsverfahren gegen das deutsche Schornsteinfegerwesen eingeleitet hat, der Ministerrat von Baden-Württemberg sich mit der Zukunft des Schornsteinfegerhandwerks beschäftigt hat, der zuständige Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit Änderungen im Schornsteinfegerwesen in seinem Masterplan zum Bürokratieabbau angekündigt hat und die Wirtschaftsministerkonferenz der Länder sich mit dem Schornsteinfegerhandwerk beschäftigt hat.

Und ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, was aus meiner Sicht möglich und machbar ist und welche Gefahren und Schwierigkeiten zu erwarten sind, wenn wir nicht reformieren. Das ich dafür nicht unbedingt Beifall von Ihnen bekommen werde, ist mir klar. Aber in dem jetzigen Studium müssen wir offen miteinander reden. Darauf haben Sie Anspruch!

Es sind daher vom Wirtschaftsministerium einige Folien vorbereitet worden, damit sichtbar wird, welche Kraft in dem Schornsteinfegerhandwerk steckt und wie der Diskussionsstand in der Politik derzeit ist.

Zuerst geht es um die Dimension Ihres Handwerks!

In den 932 Meisterbetrieben in Baden-Württemberg sind in der Regel jeweils ein Geselle und eine Teilzeitkraft für die Bürotätigkeit ? meist die Ehefrau ? beschäftigt.
In 156 Betrieben werden derzeit Lehrlinge ausgebildet, wofür ich Ihnen sehr dankbar bin, weil dies eine hohe Anzahl im Betriebsvergleich darstellt.
Würde die Ausbildungsquote der übrigen Arbeitgeber so hoch sein wie bei Ihnen, hätte es keine Diskussionen über die Ausbildungsplatzabgabe gegeben.

Ich freue mich, dass Sie den Ausbildungspakt begrüßt haben! Sie kennen aber auch die Entstehungsgeschichte. Erst durch den Druck der Wirtschaft hat die rot-grüne Koalition Abstand von einem gesetzlichen Zwang genommen. Und zur Abschaffung der Kultusministerkonferenz, die Herr Staatsminister Burg gefordert hat, nur so viel:
Dies ist eine alte FDP-Forderung! Das hatte er vergessen zu erwähnen, deswegen hole ich das nach!

Ihre Betriebsstruktur von einem Meister und einem Gesellen ist allerdings aus betriebswirtschaftlichen Gründen äußerst ungünstig.
Das jährliche Gebührenaufkommen für alle Schornsteinfegerarbeiten im Land liegt derzeit bei rund 143 Mio. ?.
Darin sind rund 19.7 Mio. ? Mehrwertsteuer enthalten.
Dies entspricht einer jährlichen Belastung je Einwohner in Baden-Württemberg von 13,41 ?.
Je Wohneinheit sind dies 34,44 ?.

Wir erhalten dafür die Sicherheit rund um die häuslichen Feuerstätten und die Gewissheit der Einhaltung von Umweltschutzgrenzwerten für 2,1 Mio. Gebäude in unserem Land. Darauf hat auch Herr Landesinnungsmeister Gula ausdrücklich hingewiesen.

Dass die Schornsteinfegerarbeiten auch notwendig sind, unterstreichen sehr eindrucksvoll die Mängelzahlen, die der Landesinnungsverband jährlich erhebt.

Danach mussten im letzten Jahr 140.000 Mängel an bestehenden Feuerungsanlagen, 31.600 Mängel an neu eingebauten und 35.200 Mängel an wesentlich geänderten Feuerungsanlagen festgestellt werden.
Vor allem die 66.800 Mängel an den neu eingebauten oder veränderten Anlagen geben hier besonders zu denken. Dies widerlegt auch die Kritiker, die behaupten, dass Kontrollen von Neuanlagen nicht notwendig seien.
Bei den CO-Messungen als Teil der Abgaswegeüberprüfungen hat das Schornsteinfegerhandwerk in 25.800 Feuerungsanlagen eine CO-Konzentration größer als 1.000 ppm im trockenen unverdünnten Abgas gemessen.
In Verbindung mit ungünstigen Aufstell- und Anschlussbedingungen kann dieser Zustand Leben und Gesundheit bedrohen.

Bei den immer dichter werdenden Fenstern und Türen sind diese ungünstigen Bedingungen öfter gegeben, als uns lieb ist. Deshalb ist gerade hier besondere Sorgfalt zu beachten.

Dies soll auch so bleiben.

2,9 % der Ölfeuerungsanlagen und 2,2 % der Gasfeuerungsanlagen haben 2003 die Abgasverlustgrenzwerte der Verordnung über kleine und mittlere Feuerungsanlagen nicht eingehalten.

Ein geringer Wert, erfreulicherweise, der aber nur zustande kommt, weil der Bezirksschornsteinfegermeister überwacht.

In den siebziger Jahren, zu Beginn der Emissionsmessungen haben Sie einmal bei rund 40 % begonnen.

Insgesamt sind dies beeindruckende Zahlen und auch Erfolge, die das Schornsteinfegerhandwerk vorzuweisen hat.

Die Landesregierung dankt Ihnen ausdrücklich für diese Arbeit!

Bei dem Technischen Hearing im Januar dieses Jahr in Stuttgart wurde auch von den Fachleuten bestätigt, dass die Schornsteinfegerarbeiten aus Gründen der Sicherheit unverzichtbar sind.

Die Fortschritte in der Feuerungstechnik werden uns allerdings ermöglichen, Kehr- und Überprüfungsintervalle zu verlängern und damit weniger zu kehren und zu überwachen.

Damit ? das muss man sehen ? verringern sich die Schornsteinfegerarbeiten bereits durch den Stand der Technik.

Doch es war auch eine Kernaussage beim Technischen Hearing: ?Es gibt keine eigensicheren Feuerungsgeräte?. Deshalb ist auch weiterhin der Sachverstand und die Kompetenz des Schornsteinfegers erforderlich.

Angesichts meiner Ausführungen werden Sie sich fragen, warum dann der Ministerratsbeschluss vom 23. September letzten Jahres gefasst wurde? In diesem Beschluss wird gefordert:

* Das Kehr- und Überprüfungsmonopol abzuschaffen,
* Emissionsmessungen und Überprüfungen auf private
Fachfirmen zu übertragen
* die staatliche Überwachung nur noch auf Stichproben zu
beschränken

und

* eine soziale Umsetzung durch Übergangsfristen.

Die Gründe des Ministerrates mit seinem Beschluss waren vor allem, dass das durch Gesetz vorgegebene Monopol des Schornsteinfegerwesens auf dem Prüfstand der Politik steht und die technische Entwicklung zu einer Risikominderung bei privaten Heizungsanlagen geführt habe.

Zusätzlich will der Beschluss das Vertrauen in die Erfüllung der Sorgfaltspflichten, auch durch Private verdeutlichen.

Ich sage ganz offen, der Ministerrat hat auch nicht an der Zahl der Beschwerden, die vorliegen, vorbeigehen können.
Hauptsächliche Beschwerde dabei ist die Doppelarbeit bei der Emissionsmessung an Feuerungsanlagen, für die ein Wartungsvertrag besteht.
Keinen Zweifel gibt es, dass auch Übergangsfristen vorgesehen sind, um eine sozial abgefederte Umsetzung zu ermöglichen.
Mit Blick auf diesen Beschluss kann ich verstehen, dass Sie darüber sehr enttäuscht sind, dass das Ihnen versprochene Gespräch nicht stattgefunden hat.

Meine Damen und Herren,

Fakt ist auch, dass neben dem Land Baden-Württemberg auch noch andere Stellen eine Änderung des Schornsteinfegersystems fordern. Die europäische Kommission sieht das deutsche Kehrbezirkssystem als Verstoß gegen die EU-Verträge an, in denen weitgehende Freizügigkeit im Binnenverkehr vereinbart wurde.

Dabei wendet die Kommission sich vor allem gegen die Zugangsbeschränkung zu dem Schornsteinfegerberuf auf nur einen Bezirksschornsteinfegermeister pro Bezirk und gegen das Tätigkeitsverbot des Bezirksschornsteinfegermeisters außerhalb seines Kehrbezirks.

Außerdem kritisiert die Kommission die Eintragungsverpflichtung in die Bewerberliste und die Wohnsitzverpflichtung in dem Nahbereich. Die EU-Kommission möchte vor allem ein grenzüberschreitendes Tätigwerden in den einzelnen Dienstleistungen erreichen. Ihr genügt es nicht, dass sich z. B. französische Unternehmer auf einen deutschen Kehrbezirk bewerben können. Die Kommission will, dass der französische Unternehmer z. B. mit Unternehmenssitz in Straßburg einzelne Kehrungen und Messungen in Kehl durchführen darf. Dies ist bei einem Kehrbezirkssystem bisheriger Art nicht möglich ? das muss man klar sehen! Die EU-Kommission hat diese Forderung mit der Warnung verknüpft, dass sie die Bundesrepublik Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof verklagen würde, wenn wir keine Reformen einleiten.

Und wir wissen: Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes ist direkt bindend. Und die bisherigen Erfahrungen zeigen: In aller Regel folgt der EuGH dem Votum der EU-Kommission. Daher sollten wir ein solches Urteil nicht provozieren ? jedenfalls nicht ohne Not! Allerdings ist auch Fakt: Nur mit Verweis auf die derzeitigen Diskussionen um eine Schornsteinfegerreform konnte die EU-Kommission bisher davon abgehalten werden, ihre Androhung einer Klage umzusetzen. Bereits frühzeitig nach Bekannt werden der EU-Forderungen hat das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, bundesweit federführend, mit dem Schornsteinfegerhandwerk zusammen ein Modell entwickelt, wie das Schornsteinfegerwesen innerhalb des Systems verändert werden kann, um die EU-Forderungen zu erfüllen. Dies hätte von Ihnen bereits eine große Umstellung in Ihren Betrieben erfordert. Allerdings ist es auch so, dass der Bund und viele Länder der Ansicht sind, dass dies nicht ausreicht, damit die EU-Kommission auf eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof verzichtet.

Ich bin auch überzeugt ? um das klar zu sagen ?, dass wir in der heutigen Zeit im Schornsteinfegerhandwerk mehr Wettbewerb brauchen, um in der Zukunft bestehen zu können. Deshalb hat das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg dem Bund und den anderen Ländern ein Wettbewerbsmodell vorgeschlagen, das die verlangten Elemente erfüllt. In diesem Modell würden die Kehrbezirke abgeschafft. Die Kehr- und Überprüfungspflicht und somit die Kehrordnung bliebe jedoch als Eigentümerverpflichtung bestehen. Eine staatliche Gebührenvorgabe sollte nicht mehr erfolgen. Der Preis würde sich, wie bei jeder anderen Dienstleistung, am Markt bilden. Kehr- und Überprüfungsarbeiten und die Emissionsmessung sollten künftig von jedem Schornsteinfegermeister oder einem anderen zertifizierten Betrieb durchgeführt werden können. Der Auftrag würde dann von dem verpflichteten Hauseigentümer kommen, mit dem auch der Preis frei zu vereinbaren wäre. Die Überwachung der Hauseigentümerverpflichtungen würde von der Behörde oder besser noch von einer Versicherung übernommen. Dazu müssten allerdings Überlegungen über den Umgang mit den notwendigen Daten über die Feuerungsanlagen und ihre Standorte angestellt werden. Dass eine derartige Systemumstellung eine einschneidende Sache wäre, ist auch dem Wirtschaftsministerium bewusst. Daher kann dies nur mit sozialverträglichen Übergangsfristen geschehen.

Auch muss die Altersversorgung im Schornsteinfegerhandwerk gesichert sein. Nach unserer Ansicht würde der baden-württembergische Vorschlag die Forderungen der EU voll erfüllen. Ich bin zugleich der dezidierten Auffassung, dass das Schornsteinfegerhandwerk künftig Wartungsleistungen im Wettbewerb mit dem SHK-Handwerk ausführen können muss. Die Qualität der Arbeit der Schornsteinfeger ist allenthalben anerkannt ? unabhängig von der Kritik an den bestehenden Kehrbezirken. Die Schornsteinfeger brauchen sich, was die Qualität angeht, nicht zu verstecken! Und es war ja der Staat selber, der es so gewollt hat, dass die Schornsteinfeger in festen Bezirken arbeiten. Ich persönlich könnte bei einem künftigen Wettbewerbssystem keinen Grund mehr sehen, wieso der Staat dem Schornsteinfegerhandwerk per Gesetz verwehren soll, einfache Wartungsarbeiten an Feuerungsanlagen vorzunehmen. Wenn die Kunden mit den Kehr- und Überprüfungsarbeiten ihres ?altbewährten? Schornsteinfegers zufrieden sind und ihre Heizungen aufgrund unzureichender Emissionswerte neu eingestellt werden müssen, so muss man auch den Wünschen der Kunden entsprechen, dass diese Arbeit ?ihre? Schornsteinfeger machen können.

Bei dieser Forderung klatscht das SHK-Handwerk nicht Beifall, das ist mir schon klar. Aber Liberalisierung darf nun einmal keine Einbahnstraße sein, sondern muss für alle gelten.

Meine Damen und Herren,

wir stehen erst am Anfang der Diskussion, nicht am Ende ? Das ist mir wichtig festzustellen! Daher kann ich Ihnen noch kein fertiges Konzept vorlegen. Wir sind mit unseren Vorstellungen in die Wirtschaftsministerkonferenz der Länder Anfang Juni gegangen. Dort war klar zu erkennen, dass Änderungen in dem Schornsteinfegersystem gewünscht sind. Klar wurde in der Konferenz aber auch, dass die Länder sich bislang auf ein Konzept nicht einigen konnten. Die Wirtschaftsministerkonferenz hat daher die Bundesregierung gebeten, auf der Grundlage der im Bericht von Baden-Württemberg dargelegten Modelle einen geeigneten Vorschlag der zukünftigen Gestaltung des Schornsteinfegewesens zu machen, der sich auf die Frage der Kontrolle konzentriert. Damit ist jetzt zunächst der Bund am Zuge, denn das Schornsteinfegergesetz ist ein Bundesgesetz.

Ich skizziere Ihnen nun die derzeit diskutierten Modelle, damit Sie informiert sind.

Und hier ist dafür der richtige Ort!

Modell Nr. 1 schlägt die völlige Abschaffung des bisherigen Systems vor. Dies würde Verhältnisse schaffen wie in vielen südlichen Ländern, bei denen es keine Vorschriften zur Kaminreinigung und Emissionsmessung gibt. Sämtliche feuerpolizeilichen und umweltpolitischen Vorgaben würden gestrichen. Das wäre die radikalste Art, zu einer Entbürokratisierung und Deregulierung zu kommen. Politisch verantwortbar wäre das aber nicht. Deshalb wird dieses Modell bisher weder vom Bund, noch von irgendeinem Bundesland erwogen. Ich glaube, dass ist eine wichtige Feststellung!

Modell Nr. 2 ist das bisherige Kehrbezirkssystem, modifiziert mit einigen weitreichenden Änderungen des bisherigen Schornsteinfegergesetzes. Kehrbezirke würden nur auf Zeit vergeben (z.B. auf 5 Jahre), maßgeblich dafür wären ein ordentliches Organisationskonzept und gute Qualifikationen. Das bisherige Bewerberverfahren mit den Bewerberlisten würde durch ein Vergabeverfahren mit Vergabeausschuss ersetzt. Kehrordnung und Kehrgebührenordnung würden wie bisher gelten. Dieses System würde ansatzweise zu einer Entbürokratisierung beitragen. Der Bund aber geht davon aus, dass die EU dieses Modell als unzureichend ablehnen würde. Das Modell hat auch nicht den Wettbewerbsgrad, den ich mir von dem künftigen Schornsteinfegerwesen wünsche, um das deutlich zu sagen.

Im Modell Nr. 3 wird ein marktorientiertes Konzessionsmodell vorgeschlagen, das einen Kompromiss zwischen den Forderungen unseres Ministerrats und dem bisherigen Kehrbezirkssystem darstellt. Dabei werden die bisherigen Kehrbezirke durch Konzessionsgebiete ersetzt, auf die jeder Schornsteinfegermeister eingehen kann. Der günstigste Bieter erhielte den Zuschlag.
Vertraglich würde dieser verpflichtet, alle fünf Jahre die Feuerstättenschau, die anfallenden Bauabnahmen und Beratungen durchzuführen und das Kehrbuch zu führen. Kehr- und Überprüfungsarbeiten dürfen dann vom jedem Schornsteinfegermeister mit eigener Preisgestaltung durchgeführt werden. Emissionsmessungen auch von der Wartungsfirma. Die Kehrordnung bliebe, die Gebührenordnung würde gestrichen. Der ausführende Handwerker vor Ort müsste dem Konzessionsinhaber alle Bescheinigungen und Mängelberichte schicken. Für die Führung des Kehrbuchs erhielte dieser einen Kostenbeitrag des ausführenden Handwerkers.
Damit würde bereits ein gewisses Maß an Wettbewerb erreicht, auch die EU dürfte mit dieser Lösung zufrieden sein. Aber: Der zu erwartende bürokratische Aufwand ist jedoch recht hoch. Denken Sie nur einmal daran, wie die Rechtsbeziehungen zwischen den einzelnen Schornsteinfegern mit und ohne Konzessionsgebiet zu gestalten wären.
Hinzu kommen kartellrechtliche Fragen. Denn die Gefahr von Preisabsprachen zwischen Konzessionären und deren Gebieten ist relativ hoch. Was wir als allerletztes brauchen können, ist eine permanente staatliche Preisaufsicht! Dann wäre mir persönlich die bestehende staatliche Gebührenordnung lieber. Auf Bundesebene wird jedoch derzeit dieses Modell detailliert besprochen.

Modell Nr. 4 wird als ?Versicherungsmodell Baden-Württemberg? bezeichnet. Die Grundzüge für dieses neue Wettbewerbsmodell habe ich Ihnen bereits vorgestellt. Praktisch muss man sich die Versicherungslösung so vorstellen: Die Versicherung des einzelnen Kunden - naheliegend eine Gebäudebrandversicherung - schickt dem Feuerungsanlagenbetreiber vor einem Kehr- oder Überprüfungstermin rechtzeitig eine Art ?Doppelkarte? zu, ähnlich wie wir es von den Autoversicherern kennen.
Der Gebäude- oder Wohnungseigentümer muss sich dann selbst um den Schornsteinfeger ?seiner Wahl? kümmern. Hat der Schornsteinfeger die Arbeiten ausgeführt, wird dies auf dieser Karte vermerkt und der Kunde schickt diese an die Versicherung zurück. Der ganze Vorgang kann heutzutage auch elektronisch abgewickelt werden. Die Schornsteinfeger selbst arbeiten zu Marktpreisen und sind deutlich von Bürokratie entlastet. Die Versicherungen werden den Service natürlich nicht umsonst übernehmen, sondern ihn auf die Prämie draufschlagen. Dieser Punkt kann aber den Schornsteinfegern egal sein.

Sie müssen ihre Kosten als ?normale? Gewerbetreibende hereinbekommen und freilich auch ordentliche Gewinne mit ihrem Handwerk machen. Der zentrale Diskussionspunkt bei dem Versicherungsmodell ist für mich, ob es politisch möglich ist, eine Pflichtversicherung für die Schornsteinfegerarbeiten einzuführen. Wir in Baden-Württemberg haben mit einem Deckungsgrad von Gebäudebrandversicherungen von über 90 Prozent faktisch eine solche Pflichtversicherung ? die teuer ist, zugegeben! Es würde also keinen großen Unterschied mehr machen, wenn man ? analog zur Kfz-Haftpflichtversicherung ? wieder eine Gebäudebrandpflichtversicherung einführt. In den neuen Bundesländern sieht es mit dem Versicherungsdeckungsgrad aber schon ganz anders aus.
Da wäre die Einführung einer Pflichtversicherung politisch viel schwieriger.

Ich persönlich favorisiere das Versicherungsmodell aus folgenden Gründen:

Wenn wir von dem im Prinzip bewährten Modell des Kehrbezirks wegkommen müssen - vor allem aus EU- und wettbewerbsrechtlichen Gründen ? dann dürfen wir nicht die quasi-staatliche Bürokratie, die man den Schornsteinfegern überantwortet hat, gegen eine andere staatliche Bürokratie ersetzen.

Jeder Systemwechsel wird sehr viel Geld kosten.

Und daher ist mir wichtig: Sollte kein Nettogewinn für alle dabei herauskommen, so müsste es meiner persönlichen Ansicht nach bei dem jetzigen Kehrbezirkssystem bleiben. Die für den Staat und für die Schornsteinfeger geringste Bürokratie ist meines Erachtens bei dem Versicherungsmodell zu erwarten.

Die Versicherung hat der unteren Verwaltungsbehörde nur einmal bescheinigt, dass die Eigentümer die Überprüfungsarbeiten mit Hilfe der Versicherung durchführen lassen. Nur bei einem Wechsel der Versicherung ist eine Änderungsmitteilung an die Behörde notwendig.

Es ist mir sehr wichtig zu betonen, dass es bei einer Realisierung dieses Modells zu keinerlei Herunterfahren von Sicherheitsstandards kommen würde. Die Kehr- und Überprüfungspflicht sowie die Emissionsmessungen blieben gesetzlich erhalten. Da greife ich das auf, was Sie, Herr Landesinnungsmeister Gula, gesagt haben. Sicherheit, Umwelt- und Klimaschutz müssen gesichert sein!

Meine Damen und Herren,

zum Schluss, Sie sehen, dass es bei den vier Modellen und den ihnen allen anhaftenden Vor- und Nachteilen nicht leicht wird, eine sinnvolle Änderung des Schornsteinfegerwesens herbeizuführen. Vieles bedarf noch einer sehr intensiven Diskussion. Gerade weil wir unsere über Jahrzehnte bewährten Sicherheitsstandards halten wollen ? ich betone dies noch einmal!

Andererseits haben wir nicht unendlich viel Zeit, um Bewegung in die Reformüberlegungen zu bringen, da uns die EU-Kommission nicht allzu lange im Unverbindlichen diskutieren lässt. Deshalb werden wir ? Bund und Länder ? uns bemühen, alsbald Klarheit darüber zu schaffen, wo die künftigen Eckpunkte des Schornsteinfegersystems liegen werden. Ich habe zum Schluss eine Bitte: Sehen Sie diese Diskussionen nicht als Bedrohung ihres Berufsstandes an, sondern im Gegenteil als Chance, auch in den nächsten 20 ? 50 Jahren als traditioneller Handwerksberuf zu bestehen ? Darum geht es mir!

Ich verspreche Ihnen: Das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg wird mit dem Landesinnungsverband weiterhin den Dialog suchen, damit das Handwerk auch in die politische Diskussion eingebunden ist. Ich stehe zum Gespräch mit Ihnen, sehr geehrter Herr Gula, bereit.

Wir wissen: Wir sind gerade bei diesen schwierigen Entscheidungsprozessen auf Ihren Sachverstand und Ihre Mitwirkung angewiesen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Der LIV

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